Die Krakauer Stadtmauern
Wenn man das königliche Krakau besucht, sieht man nördlich der Altstadt den Barbakan, auch Rondell genannt, das Florianstor sowie drei Wehrtürme: den Turm der Pasamoniker, den Zimmermannsturm und den Schreiner- bzw. Küferturm. Die Mauern zusammen mit dem Barbakan können in der Sommersaison besichtigt werden, da sie zum Krakauer Museum gehören. Doch wie man sich denken kann, sind sie nur ein kleiner Rest der Mauern, die einst die gesamte Stadt umgaben. Wie sah es also früher aus?
Der Krakauer Barbakan
Ihr kennt sicher das Sprichwort: „Unter König Olbracht starb der Adel aus.“ Eine starke Übertreibung — der Adel spielte noch bis ins 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle — aber ein Körnchen Wahrheit steckt darin. 1497 zog König Johann I. Albrecht nach Moldau, das bereits unter starkem türkischem Einfluss stand, um seinen Bruder Sigismund (den späteren Sigismund den Alten) auf den Thron zu setzen. Nicht nur scheiterte er, sondern unsere Truppen erlitten eine solche Niederlage, dass man sogar einen türkischen Vergeltungszug gegen Krakau befürchtete. Deshalb wurde innerhalb nur eines Jahres eine runde Befestigung an die bestehenden Stadtmauern angebaut, um den nördlichen und einzigen trockenen Zugang zur Stadt zu schützen (die übrigen Seiten wurden durch die Weichsel und Sümpfe geschützt). Barbakane wurden immer vor den Mauern errichtet und mit ihnen verbunden.
Stadtmauern gegen die Tataren
Das 13. Jahrhundert war keine leichte Zeit in unserer Geschichte. Das Land war nicht nur unter zahlreichen Fürsten aufgeteilt, sondern es war auch eine Epoche äußerer Bedrohungen. Die größte davon waren die Tataren, die unter den Nachfolgern Dschingis Khans Ost- und Mitteleuropa angriffen. Sie kamen vor allem, um zu plündern und zu brennen, doch Rus’ unterwarfen sie für Jahrhunderte, und dort änderte sich lange wenig.
Krakau hatte das zweifelhafte Vergnügen, drei solcher Einfälle zu erleben: 1241, 1259 und 1287. Erst nach dem zweiten Angriff wurden Stadtmauern aus dem für die Region typischen weißen Kalkstein errichtet.
Vier Kilometer Mauern und 47 Türme!
Die Verteidigung der Stadt war Aufgabe der Bürger — im Wesentlichen der Männer. Da Krakau ganze vier Kilometer Mauern besaß, war eine sinnvolle Aufteilung notwendig. Jeder Abschnitt der Mauer wurde einem bestimmten Handwerkszunft zugewiesen. Deshalb trugen fast alle Türme Berufsbezeichnungen, wie der heute noch existierende Pasamoniker-Turm, der Zimmermannsturm und der Schreiner-/Küferturm, sowie viele abgerissene wie der Messerschmiedturm, der Blasebalgmacherturm, der Wirtsleuteturm und Dutzende weitere.
Feliks Radwański — Retter der Krakauer Mauern und die Entstehung der Planty
Vor zweihundert Jahren beschloss man, die Gräben zuzuschütten und die Stadtmauern abzureißen. Die Erhaltung von vier Kilometern Mauer mit 47 Türmen war eine enorme finanzielle Belastung für Krakau, das zunächst von Österreich besetzt war und später eine freie Stadt wurde. Kunstgeschichte und Denkmalschutz steckten damals noch in den Kinderschuhen. Viele mittelalterliche Gebäude gingen durch die sogenannten „Mauerschläger“ verloren. Außerdem boten die Mauern keinen Schutz mehr gegen moderne Artillerie, die sie in kurzer Zeit hätte zerstören können.
Die äußerst schwierige Aufgabe, die Stadtmauern zu retten, übernahm der Senator — heute würde man sagen: Stadtrat — Feliks Radwański. Er wollte zumindest den nördlichen Teil der Mauern mit dem Florianstor und den Türmen der Pasamoniker, Zimmerleute und Schreiner erhalten. Radwański berief sich auf historische Argumente, doch weder sechs Jahrhunderte Existenz noch ihr Wert für die polnische Geschichte überzeugten die Entscheidungsträger. Die Aussicht, teure Bauwerke abzutragen und das Stein- und Ziegelmaterial zu verkaufen, klang deutlich attraktiver.
Als Radwański die Aussichtslosigkeit erkannte, griff er zu seinem letzten Argument… dem Wind. Dem Wind, der meist aus Norden weht und der — nach dem Abriss der nördlichen Mauern und des Barbakans — ungehindert durch die Stadt fegen würde. Und da am Ende der von Norden auf den Marktplatz führenden Floriańska-Straße die Marienkirche steht, würde der Abriss der Mauern unweigerlich dazu führen, dass die Röcke der Krakauerinnen hochgeweht würden und ihre Beine unziemlich zur Schau gestellt wären. Der Legende nach war es genau dieses Argument, das die Stadträte überzeugte, den nördlichen Teil der Mauern samt Barbakan zu erhalten. Anstelle der übrigen Mauern, Vorwerke und Gräben entstand ein wunderschöner Park, der die gesamte Altstadt umgibt — die Planty.
Du wirst dich also in der Krakauer Altstadt nie verirren — früher oder später gelangst du immer zu den Planty.
Möchtest du Krakau mit einem Reiseführer? Sag einfach Bescheid.
