Eine nackte Frau an der Marienkirche – oder was Krakau mit Alexander dem Großen zu tun hat
„Was ein Pferd ist, sieht jeder“, schrieb der Enzyklopädist des 18. Jahrhunderts, Pater Benedykt Chmielowski, unter dem Stichwort „Pferd“. Dasselbe könnte man über die Krakauer Marienkirche sagen. Jeder, der schon einmal auf dem Krakauer Hauptmarkt war, hat dieses mächtige gotische Bauwerk mit seinem über achtzig Meter hohen Turm, der Hejnalica, gesehen, von dem stündlich das MarienSignal ertönt. Über das Signal und weitere Kuriositäten der Marienkirche erzähle ich nächste Woche. Heute jedoch geht es um nackte Frauen. Im Ernst!
Phyllis und Aristoteles – eine antike Legende
Alexander der Große, auch der Makedonier genannt, Herrscher eines riesigen Reiches, das halb die damalige Welt von Griechenland bis Indien eroberte, hatte – wie jeder sich selbst respektierende Grieche – sowohl männliche als auch weibliche Geliebte. Eine der Glücklichen war ein Mädchen namens Phyllis. Der Lehrer des Königs war Aristoteles, Schüler Platons und einer der bedeutendsten Philosophen aller Zeiten; die katholische Kirche stützte ihre Philosophie über viele Jahrhunderte auf ihn. Der Philosoph ermahnte seinen Schüler, keine Zeit mit körperlichen Vergnügungen mit seiner Geliebten zu verschwenden, sondern sich dem Regieren und den Staatsangelegenheiten zu widmen. Doch er fand seine Meisterin: Phyllis verführte und demütigte Aristoteles erfolgreich und bewies, dass Theorie nicht immer mit der Praxis übereinstimmt.
Phyllis reitet Aristoteles – mittelalterliche und RenaissanceDarstellungen
Das Motiv der Geschichte von Phyllis und Aristoteles tauchte häufig in der mittelalterlichen und Renaissancekunst auf. Leonardo da Vinci stellte Phyllis beispielsweise dar, wie sie auf dem Philosophen sitzt und ihn reitet. In manchen Darstellungen hält Phyllis eine Peitsche, während der Weise Zaumzeug und Geschirr wie ein Pferd trägt. Oft ist der Philosoph nackt; manchmal sind beide Figuren nackt.
Die Geschichte war eine Allegorie der Unterwerfung der Vernunft durch Leidenschaft und Begierde, doch ihr erotischer – manche würden sagen perverser – Aspekt ist unbestreitbar.
Phyllis und Aristoteles – eine Skulptur an der Krakauer Marienkirche
Wo also befindet sich diese „nackte Frau“? Am Chor, also dem Teil um den Altar, außen, zur Mariacki Platz Seite hin. Wenn man einige Dutzend Meter nach oben auf den Chor blickt, sieht man geschnitzte Stein Schlusssteine. Mit bloßem Auge sind sie wegen der Entfernung und der Spuren der Zeit kaum zu erkennen, aber mit einem Fernglas würde man jene nackte Frau sehen, die auf einem alten Mann sitzt.
Interessant ist, dass das Mittelalter, das wir mit strenger Moral verbinden – nur wenige Meter darunter, am Seiteneingang der Marienkirche, befinden sich noch die Eisenfesseln, in denen Ehebrecher zur öffentlichen Beschämung angekettet wurden – in manchen Aspekten durchaus erotische Darstellungen kannte, und zwar solche, die viele Menschen mögen, aber dennoch als „pervers“ bezeichnen.
Was gibt es nächste Woche?
Nächste Woche bleiben wir bei der Marienkirche, aber nicht bei dem, was man auf Wikipedia findet, sondern bei einigen Kuriositäten über die prächtigste der Krakauer Kirchen.
Möchtest du die Marienkirche mit mir besichtigen? Sag Bescheid: Kontakt – Stadtführer für Krakau.



